Die Numismatischen Tage Schweiz 2011 fanden am 16. Juni
2011 im Espace d‘archéologie des Geschichtsmuseums Wallis in Sion
statt. Organisiert wurde die Tagung von der Schweizerischen
Numismatischen Gesellschaft (SNG) und dem Museum. Nach der
Generalversammlung der SNG und der Begrüssung der Teilnehmer durch
Patrick Elsig, Direktor des Museums, und Hortensia von Roten,
Präsidentin der SNG, konnten die Vorträge beginnen.
Dr. Anne Geiser und Philippe Curdy belegten in ihrem Vortrag «Dépôts monétaires dans les sépultures celtiques du Valais»
die grosse Bedeutung des archäologischen Kontextes bei Münzen aus
Gräbern für die Erforschung von deren Chronologie und Verbreitung. Bei
den vorgestellten Prägungen handelt es sich um Funde aus der
Westschweiz: Obole nach massaliotischem Vorbild (Mitte 3. Jh. bis Beginn
des 1. Jh. v.Chr.) und Prägungen der Veragrer (Ende 1. Jh. v.Chr.).
Linda
de Torrenté referierte anschliessend über das Thema «Dépôt de monnaies
sur un site de hauteur; l'exemple du Cornillon sur Vionnaz» und stellte
eine Gruppe von 32 v.a. spätantiken Münzen vor, die auf einem Grat
gefunden wurden. Die halbkreisförmige Anordnung suggeriert eine bewusste
Deponierung. In der Diskussion wurde unterstrichen, dass es sich wohl
um Votivgaben im Zusammenhang mit einem Höhenheiligtum handelt.
Abb. 1: Das Publikum
Der Morgen wurde von Dr. Günther E. Thüry mit dem Vortrag über «Römische Münzen im ewigen Schnee. Edward Whymper und die Funde vom Theodul» abgeschlossen. Die 1891 und 1895 gefundenen Münzen, zu deren Anzahl und Auffindung verschiedene Angaben und Gerüchte existieren, sind grösstenteils von Whymper, dem Erstbesteiger des Matterhorns, gesichtet und publiziert worden. Mit kriminalistischem Gespür brachte Thüry Licht in die ganze Geschichte. Er konnte zeigen, dass es sich um Votivgaben handelt, die während eines längeren Zeitraumes beim Überqueren des Passes niedergelegt worden waren.
Nach dem reichhaltigen Apéritif riche referierte Dr. Gabriel Imboden zu «Im ysen kasten befind sich... Münzeninventare Kaspar Jost Stockalpers (1713–1795)». Mit einiger Regelmässigkeit legte Stockalper Inventare der Münzen in seiner Wohnstatt an unter genauer Angabe, wie viele Münzen welcher Sorte sich im «ysen kasten» oder in der «stuben commodt» befanden. Die Werte bilanzierte er in der Landeswährung. Es erstaunt nicht, dass die guten Handelsmünzen zum grössten Teil ausländischer Herkunft waren: Federtaler, Philippstaler, spanische Quadruplen, Louis vieux oder neufs, Zecchinen, Lorrainer, Liguriner etc. Mengenmässig entsprachen die gehorteten Zahlungsmittel quasi denen einer Lokalbank. Aus dem Fundus seiner Liquidität belehnte er einerseits zahlreiche Kreditnehmer, gleichzeitig tätigte er Investitionen nach Genf, Lyon und Paris, und dies in einem Umfeld ohne institutionalisierte Finanzdienstleistungen.
Anschliessend zeigte Dr. Marie-Claude Schöpfer Pfaffen in ihrem Referat «Vom Handels- und Speditionshaus zum Kredit- und Bankinstitut. Das diversifizierte Geschäftsmodell der Marchands-Banquiers Loscho in Brig (ca. 1760 bis 1830)» auf, dass für die Walliser Wirtschaft nicht die Beschaffung von hoch spezialisierten Produkten und Kolonialwaren das grundlegende Problem war. Es war eher der Mangel an zirkulierenden Bargeldmengen sowie das vollständige Fehlen institutionalisierter öffentlicher Finanzeinrichtungen. Die in Brig am Fuss des Simplonpasses ansässigen Fratelli Loscho machten aus dieser Not eine Tugend und kreierten ein diversifiziertes Geschäftsmodell, das insbesondere von fruchtbaren
Synergien zwischen dem Warenhandel, Speditionsgeschäften und Finanzdienstleistungen profitierte. Die in der örtlichen bottega der Loscho untergebrachte Privatbank erfüllte wie zahlreiche weitere, von einheimischen und zugezogenen Geschäftsleuten betriebene Finanzeinrichtungen, eine wichtige Rolle im Walliser Wirtschaftsgefüge. Dies widerlegt nicht zuletzt den Mythos der (agrar-)wirtschaftlichen Autarkie dieser alpinen Region, was auch schon im Referat von Imboden zum Ausdruck kam.
Im letzten Vortrag präsentierten Sophie Providoli und José Diaz Tabernero unter dem Titel «Le «mercenaire» du Théodule. La trouvaille et les monnaies» den in den 1980er Jahren gemachten Fund einer Gletscherleiche beim Oberen Theodulgletscher. Nebst Knochen wurden, verstreut auf einer Fläche von ca. 30 auf 70 m, auch Reste von Bekleidung sowie Waffen und Münzen gefunden. Die 182 Münzen setzen sich aus acht Exemplaren in Talergrösse sowie Kleinmünzen zusammen, die mehrheitlich aus dem savoyisch-piemontesischen und lombardischen Raum stammen. Es scheint sich um eine männliche Person zu handeln, die um 1600 beim Überqueren des Passes ums Leben kam. Die Waffen scheinen eher auf einen Söldner als auf einen Händler oder Hirten hinzudeuten.
Nach den Vorträgen führte ein Spaziergang hinauf zum Schloss Valeria. Einen Höhepunkt des Tages bildete die Vorführung der mittelalterlichen Orgel aus den Jahren 1430/1440. Der Organist Edmond Voeffray spielte kurze Stücke des 14. bis 19. Jahrhunderts vor, so dass die unterschiedlichen Register des Instruments klanglich fassbar wurden. Dieses Konzert in der gotischen Kirche des Domkapitels auf der Valeria war ein unvergessliches Erlebnis. Danach wurde ein Apéro offeriert, und man konnte bei einem Glas Wein den phantastischen Blick ins Tal geniessen. Den Abschluss der Tagung bildete das Abendessen im Restaurant l’Enclos de Valère.
Für den rundum gelungenen Anlass gebührt den Organisatoren, vor allem den Personen vor Ort, ein grosses Dankeschön.
José Diaz Tabernero
Abb. 2: Musée d'Histoire du Valais (Foto: J. Mendez)